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Der Wolf kehrt zurück

– auch in den Harz?

Die Harz-Experten

In unserem Mittelgebirge war nach lang anhaltender Ausrottungsgeschichte am 23.3.1798 der letzte Harzwolf bei der Plessenburg erlegt worden.

  • Wölfe bald wieder in unseren Wäldern (Foto: NABU, S. Zibolsky)
  • Verbreitung des Wolfs (Stand 2015, ©Nabu, Projektbüro Wolf)
  • Der Wolf kehrt zurueck (Foto: Walter Wimmer)
  • Ein Wolf im Winter (Foto: Ralf Wassmann)

Der Wolf ist eine der prioritären Arten im Naturschutz. Er ist seit Jahren dabei, ausgehend von Sachsen weitere Teile Deutschlands wieder zu besiedeln. Auch der Harz und sein Umfeld ist Wolf-Erwartungsland. In unserem Mittelgebirge war nach lang anhaltender Ausrottungsgeschichte am 23.3.1798 der letzte Harzwolf bei der Plessenburg erlegt worden. Doch in Deutschlands Nachbarländern Schweiz, Österreich und Polen leben noch bzw. erneut Wölfe. Aus Westpolen sind immer wieder einzelne Tiere zu uns gezogen. Seit Ende des letzten Jahrhunderts wurden auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz einzelne Tiere beobachtet. Sie hatten sich seit 1998 dort niedergelassen, zeugten Nachwuchs und sind wieder etabliert. Doch die im Osten Deutschlands lebenden Wölfe sind nicht isoliert zu sehen, sie breiten sich weiter aus. So kommen aktuell nicht nur in Sachsen, sondern u.a. auch in Sachsen-Anhalt und Niedersachsen Wölfe vor, die dort Familien bilden und Jungtiere am Bau erfolgreich groß ziehen. Hier haben sich die Wölfe nunmehr offenbar dauerhaft niedergelassen:

Der Wolf in Sachsen-Anhalt

Die natürliche Wiederansiedlung des vor über 100 Jahren ausgerotteten Wolfs ist ein großer Erfolg des Tierartenschutzes. Erste bestätigte Hinweise auf den Wolf in Sachsen-Anhalt lagen seit Herbst 2008 vor. Sie leben im Truppenübungsgelände des Bundesforsts Altengrabow am Fläming nordöstlich von Magdeburg. 2011 wurde in Trägerschaft des Landesamts für Umweltschutz Sachsen-Anhalt ein Telemetrie-Projekt begonnen. Ziel des Projekts ist, Wölfe mit Senderhalsbändern zu versehen, die dann punktgenaue Daten zum Aufenthaltsort der Tiere übermitteln. Daraus lassen sich Erkenntnisse über die Ausdehnung des Rudel-Streifgebiets sowie Informationen über den Verbleib der Jungwölfe ableiten. Begleitend zur Telemetrie werden Hinweise und Spuren im Gelände erhoben. Durch die Kombination von klassischem Monitoring und Telemetrie einzelner Tiere soll ein möglichst umfassendes Bild des Rudels gewonnen werden. Dieses Vorhaben war das erste Wolfs-Telemetrieprojekt in Deutschland außerhalb der Lausitz und legte somit auch wissenschaftliche Grundlagen für ein grenzüberschreitendes Wolfsmanagement. Seitdem werden die Vorkommen des Wolfes vom Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt intensiv überwacht. Die Geländekontrollen finden auf Truppenübungsplätzen in enger Zusammenarbeit mit den Wolfsbetreuern der Bundesforstverwaltung statt. Die Monitoring-Ergebnisse sind Grundlage für die Berichtspflichten des Landes Sachsen-Anhalt nach der FFH-Richtlinie sowie für Empfehlungen zum Management des Wolfes. Weitere Informationen gibt es hier.

Der Wolf in Niedersachsen

Auch für Niedersachsen können derzeit in mehreren Regionen Wölfe bestätigt werden. Auf den Truppenübungsplätzen Munster war seit Juli 2012 eine Wolfsfamilie ansässig. Nachdem 2012 drei Welpen nachgewiesen werden konnten, waren es 2013 sieben Welpen. Die Elterntiere stammten beide aus Sachsen (Rüde: Seenland Rudel, Fähe: Nochtener Rudel). Seitdem haben sich die Tiere vermehrt und über weitere Teile des Landes ausgebreitet (Mehr Infos hier). Die deutsch-westpolnische Population gilt allerdings nicht als gesichert, denn dazu sind es zu wenige Tiere. Gleichfalls wird dieses Gebiet als eher isoliert gesehen, da kein genetischer Austausch mit anderen, weit entfernt liegenden Populationen beobachtet wurde, wie z.B. mit der im Osten Polens, Weißrusslands und Litauens (baltische Population) oder mit den Beständen aus der polnischen Tatra sowie der slowakischen Population, die wiederum Anschluss an die Karpaten zeigt (karpatische Population). Die Merkmale dieses aktuellen Lebensraums zeigen, dass Wald ein wesentlicher Bestandteil ist. Ebenfalls nutzt der Wolf gern große Tagebau-Folgelandschaften mit schütterer, geringer Strauchvegetation oder gänzlich ohne Vegetation mit geringen menschlichen Störungen und daneben militärisch genutzte Flächen, die für die Öffentlichkeit gesperrt sind. Generell zeigt sich in allen Flächen eine hohe Wilddichte mit zwei bis fünf Individuen Rotwild auf 100 ha, hohen Beständen an Wildschweinen und einem flächendeckenden Rehwildvorkommen. Im Gebiet der Teichlandschaften des Biosphärenreservats Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaften gibt es eine Vielzahl an Wasservögeln und weiterem Niederwild.

Durchzogen ist das Gebiet von zahlreichen Landstraßen und einigen stärker befahrenen Bundesstraßen. Begrenzt wird es durch Autobahnen. Es gab schon zahlreiche Verkehrsunfälle in der Region, die für Wölfe tödlich endeten. Straßen stellen für Wölfe ein hohes Risiko dar. Sie bilden Grenzen oder sind unüberwindbare Barrieren, die zur Isolation der Populationen führen. So wird der genetische Austausch erschwert oder unmöglich, was ebenfalls ein erhebliches Risiko für die Art mit ihrer geringen Grundpopulation darstellt.

Zur Biologie des Wolfs

Der Wolf kehrt zurueck (Foto: Walter Wimmer)

Neben dem Lebensraum und den Nahrungsressourcen sind für das Verständnis einige biologische Hinweise und Grunddaten von Bedeutung. Der Wolf in der Lausitz gehört zur osteuropäischen Population der Grauwölfe (Canis lupus L.). Farbe: Grundfarbe grau in Asien und Europa, grau und schwarz in Nordamerika. In seiner Gewichtsklasse ist er eher ein Wolf mittlerer Größe, wie die Vermessungen belegen. Er ist in den gemäßigten und kalten Zonen der nördlichen Erdhalbkugel (Wald, Steppen, Hochgebirge, Halbwüsten) zu Hause und lebt in Rudeln (Familienverbänden) aus Eltern plus Jungtieren aus dem aktuellen und dem Vorjahr mit einer Rudelgröße von zehn bis zwölf ± vier Tieren. Infolge der harten Lebensbedingungen erreichen Wölfe selten ein hohes Alter. Nur 5 % innerhalb einer Population werden älter als sechs Jahre. Die Jugendmortalität schwankt in der Regel über die Jahre und ist abhängig von den Nahrungsressourcen des Naturraums. Die Mortalität liegt aber im ersten Lebensjahr zwischen 60 - 80 %. Der gesundheitliche Zustand wie auch die Fitness von Wölfen, die älter als drei Jahre sind, sinkt bereits deutlich. Als Konsequenz daraus sinkt auch die Erfolgsrate, Beute zu machen. Für Einzeltiere führt dies zu existenziellen Problemen, da größere Huftiere nicht mehr erbeutet werden können. Der genutzte Lebensraum pro Rudel (Reviergröße) ist abhängig von der Lebensraumkapazität (Klima, Biotopqualität, Relief des Lebensraums, Beutetierarten, Dichte der Beute pro km²) und schwankt daher von 100 bis 13.000 km². Die Wölfe in der Lausitz haben durchschnittlich ein Streifgebiet von etwa 200 km². Felderhebungen von drei zwei bis drei Jahre alten männlichen Wölfen aus freier Wildbahn in Deutschland ergaben folgende Gewichte: 41, 33 und 34 kg. Damit sind diese deutlich leichtgewichtiger als aus anderen Gebieten.

Wolfs-Wanderungen

Ein Wolf im Winter (Foto: Ralf Wassmann)

Die Abwanderung von Jungwölfen zur Erkundung neuer Reviere und zur Gründung eines eigenen Familienverbandes erfolgt in der Regel nach dem ersten Lebensjahr (1. - 3. Lebensjahr). Dazu wandern männliche wie auch weibliche Wölfe durchaus in ferne Gebiete. Beobachtet wurde die Wanderbewegung einer jungen Wölfin aus dem Banff-Nationalpark in Kanada, die gefangen und mit einem Halsbandsender (GPS-Kontakt) versehen wurde. Sie bewegte sich von Kanada (Alberta) in die USA zum Yellowstone-Park, dann zog sie zurück nach Kanada durch die Provinz British Columbia bis in den Yukon, wo sie im Gebiet des Kluane verblieb. Sie legte eine Wegstrecke von über 8.000 km zurück. Auch die drei gefangenen männlichen Wölfe in der Lausitz legten auf ihren Wanderungen z.T. beachtliche Entfernungen zurück. So wanderte z.B. der Rüde „Alan“ durch Polen bis nach Weißrussland und durchlief dabei in der Zeit von März bis November 2009 eine Strecke von 1.500 km, was einer Luftlinie von 800 km entspricht. Zuletzt hielt er sich im Grenzgebiet zwischen Weißrussland und Litauen auf. Dies ist die bisher weiteste zurückgelegte Strecke der drei besenderten Wölfe. Seit Dezember 2009 sendet „Alans“ GPS-Sender nicht mehr.

Wolfsland Deutschland

Verbreitung des Wolfs (Stand 2015, ©Nabu, Projektbüro Wolf)

Im Rahmen von umfangreichen Studien wurden mögliche Lebensräume auf ihre Eignung als Lebensraum für Wölfe geprüft. Forscher und Wildbiologen kommen zu dem Ergebnis, dass vor allem die deutschen Mittelgebirge mit ihren ausgedehnten Wäldern Platz für eine Zukunft der abwandernden Wölfe aus östlichen Heimatgebieten bieten. Das mögliche Besiedlungsgebiet ist groß genug und bietet damit die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Rückkehr dieser einstigen Waldgesellen in deutsche Wälder. Die Rückkehr des Wolfes nach Deutschland ist also keine Frage geeigneter Lebensräume, sondern eher eine Frage gesellschaftlicher Akzeptanz. Wichtig ist jetzt, dass die Menschen durch sachliche Informationen und ein Bündel von Maßnahmen zur Vermeidung von Konflikten wieder auf ein Zusammenleben mit dem Wolf vorbereitet werden. Die Rechtslage innerhalb der Europäischen Union ist eindeutig. Der Wolf steht auf den Roten Listen und ist international und national geschützt – sowohl durch die Berner Konvention von 1979, die Deutschland unterzeichnet hat, als auch durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union und das deutsche Naturschutzrecht. Sachsen-Anhalt und Niedersachsen haben Wolfskonzepte vorgelegt. Notwendig ist nun auch für ganz Deutschland ein möglichst einheitliches, abgestimmtes Wolfsmanagement zum Schutz der Wölfe und im Interesse eines Zusammenlebens mit dieser Wildart innerhalb unserer modernen Gesellschaft. Eine vollständige Besiedlung der geeigneten Lebensräume steht noch aus, aber alle Studien belegen unter Beachtung ähnlicher Bedingungen in anderen Ländern wie Italien, Spanien und Polen, dass auch in Deutschland eine Rückkehr gelingen kann, wenn der Wolf toleriert wird.


Geschrieben von Frank Raimer, Nationalpark Harz

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