© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Harzer Likör Manufaktur

von Thorsten Schmidt

Harzer Likör Manufaktur Gernrode - Nicole Tondera an der Likör-Abfüllanlage
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Sie hat Geschmack, der ankommt. Nicole Tondera führt – unterstützt von ihrem Lebenspartner Karsten Eckmayr – seit 2016 die Geschicke der Harzer Likörmanufaktur Gernrode und verleiht dieser seither immer mehr ihren eigenen Stil. Mit großem Erfolg. Die regionaltypischen Spirituosen des traditionsreichen Familienunternehmens erfreuen sich rasant wachsender Beliebtheit, und das nicht nur bei einheimischen Freunden edler Tropfen. Eine Entwicklung, die dem modernen Webshop, vor allem aber den liebevoll und mit viel persönlichem Geschmack gestalteten Läden in Gernrode und Halberstadt zu danken ist. Diesen Weg beschreitet die Jungunternehmerin beharrlich weiter und fügte im Oktober 2019 den nächsten Meilenstein hinzu.

"Vorsicht! Splitter!" Der pensionierte Müller Richard Küster warnt uns freundlich, während er beim Hämmern auf dem uralten Mühlstein kurz innehält. "Das Material ist sehr hart." Getreide wird der beeindruckende Stein-Koloss künftig zwar nicht mehr mahlen, aber er gehört weiterhin zum Inventar der ehemaligen Heidemühle in der Wernigeröder Altstadt und schmückt das neue Ladengeschäft von Nicole Tondera. Sie hat sich in der bunten Stadt am Harz einen Traum erfüllt und präsentiert nun auch hier ihr umfangreiches Spirituosen-Sortiment im historischen Ambiente der kurz zuvor restaurierten Heidemühle.

Harzer Likör Manufaktur Gernrode - Karsten Eckmayr bei der Sanierung im Wernigeröder Laden
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Als wir den umtriebigen Geschäftsleuten beim Einrichten des Likör-Ladens mit dem eindeutigen Namen "Hochprozentig Harz" über die Schultern schauen, wird schnell klar: Hier brennen zwei für ihre Ideen! Karsten Eckmayr hockt in sichtlich unbequemer Stellung in der Holzverkleidung des Mühlsteins - der sogenannten Bütte - und drischt mit einem Feustel die alten Bretter aus dem hölzernen Zylinder. "Diese werden durch Plexiglas ersetzt, damit man die beiden Mahlsteine noch sehen kann", erklärt der aus Lübeck stammende Touristiker, der etliche Jahre als Guide u. a. in Australien verbracht hat, bevor er sich im Harz niederließ. "Wir sind sehr froh, dass der Mühlstein hier erhalten bleibt. Altes mit Neuem zu verbinden, ist genau unser Ding." Auch die weitere Ausstattung ist überwiegend Ergebnis eigener Kreativität und handwerklichen Geschicks. Seien es an den Wänden die alten Obstkisten mit heutiger Regalfunktion ("Die haben wir einfach angegokelt!") oder der in die neue Gipskartonwand integrierte historische Türrahmen zum Verkostungsraum ("Die Tür arbeiten wir gerade zu Hause auf.") mit seinen sehr wohnlich wirkenden selbst geklebten Großornament-Tapeten: Nicole Tondera und Karsten Eckmayr halten gern alle Fäden in ihren Händen. Auch wenn das manchmal Lehrgeld fordert: "Nachdem wir den Fußbodenbelag in unserem Laden in Gernrode verlegt hatten, mussten wir feststellen, dass wir die Trittschalldämmung vergessen hatten", erzählt die junge Chefin inzwischen mit einem stirnrunzelnden Lächeln. Über Nacht haben die beiden alles wieder aufgenommen und fachgerecht neu verlegt. "Damals konnten wir darüber gar nicht lachen."

Zum Lachen war den beiden Likörproduzenten auch später nicht immer zumute. Denn solch eine Firma erfordert nicht nur Kreativität, guten Geschmack und Freude an Entwicklung. Hier müssen täglich profane betriebswirtschaftliche Aufgaben und Probleme bewältigt, weittragende Entscheidungen getroffen werden. Lieferantenauswahl, Personalpolitik, Expansion... Da sind Weitsicht, Umsicht und Augenmaß gefragt. Nicole Tondera sprüht vor Ideen und Tatendrang. Unübersehbar ist jedoch auch die ihr innewohnende Besonnenheit. Kein Wunder, denn die ausgebildete Steuerfachwirtin erstellte noch bis 2014 Bilanzen, Lohnabrechnungen und Jahresabschlüsse. 20 Jahre lang saß sie über Zahlen, rechnete und prüfte. Irgendwann waren darunter auch die Zahlen der Harzer Likörfabrik aus Gernrode. Als deren Chefin Helga Rolle signalisierte, sich zur Ruhe setzen zu wollen, geriet bei Nicole Tondera etwas innerlich in Bewegung. "Ich habe gern im Steuerbüro gearbeitet", entsinnt sie sich heute, "aber für Kreativität und Experimente, für den eigenen Geschmack, war da freilich kein Raum." Und so erhielt der Wunsch nach Veränderung Futter. Schließlich kam das Angebot der Älteren: „Führen Sie doch den Betrieb weiter!“ und verursachte bei der Jüngeren schlaflose Nächte, lange Gespräche mit Freunden und Verwandten, vor allem mit dem Mann an ihrer Seite. Sie entschied sich. Und in kürzester Zeit entwickelte sich aus einer Steuerfachfrau mit festem Arbeitsplatz eine risikofreudige Unternehmerin – und sie kann es sich anders gar nicht mehr vorstellen.

Harzer Likör Manufaktur Gernrode - Karsten Eckmayr beim Verpacken von Kleinstfläschchen
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Den Namen "Likörfabrik" hat die 1973 in Wernigerode Geborene als Erstes geändert: in Likörmanufaktur. Nicht etwa, weil es modern wurde, jedes Startup Manufaktur zu nennen, "sondern weil wir über 90 Prozent der Arbeiten tatsächlich per Hand ausführen." Als wir uns in Gernrode die kleine Produktionshalle aus DDR-Zeiten anschauen, staunen wir nicht schlecht. "Im Prinzip reduziert sich der maschinelle Teil der Produktion auf diesen automatischen Verschließer", erläutert Karsten Eckmayr, während er im Akkord mit beiden Händen 20cl-Fläschchen in die Abfüllstutzen einhängt und die beliebten Muntermacher tatsächlich zuverlässig von einer Maschine mit DDR-Esprit verschlossen werden. Von diesen Fläschchen laufen hier bis zu 5000 Stück am Tag durch. Nach dem Abfüllen werden sie per Hand entnommen, per Hand etikettiert und schließlich noch per Hand mit einem Papiersiegel beklebt. Den altbewährten Magenbitter "Ritter Bodo" ziert obendrein ein Wachssiegel, dessen Petschaft natürlich auch per Hand in die rote Masse gedrückt wird.

"Während in der großen Likörfabrik, die vor der politischen Wende einen beachtlichen Teil der Fläche des gesamten Gewerbegebietes einnahm, natürlich auch mazeriert, destilliert und gebrannt wurde, mischen wir hier heute unsere Zutaten aus vorgefertigten Bestandteilen", erklärt Nicole Tondera vor den drei großen Tanks im hinteren Teil der Halle, "dies sind Wasser, Zucker, Fruchtsaft, 96-prozentiger Alkohol und natürliche Essenzen." Nur dem Pfefferminzlikör wird synthetischer Farbstoff beigemischt, um das von vielen gewünschte satte Grün zu erhalten. Nicole Tondera: "Ich persönlich mag das gar nicht." Sie lässt sich aber auch bei anderen Dingen durchaus von einer Mehrheit überzeugen. So ging der Entscheidung über das Etikett-Design des neuen Mephisto-Likörs eine Facebook-Abstimmung voraus. Dabei fiel ihr Entwurf durch. Aber der Likör nicht, ihre erste eigene Kreation, die erste Umsetzung ihres Geschmacks. "Auf einer Südostasien-Reise haben wir Unmengen Granatäpfel verzehrt", erinnert sich Nicole Tondera lachend, "da war für mich klar: Ein Likör mit Granatapfel muss her!" Blutorange und ein Hauch Chili vervollständigen die Ingredenzienliste neben Wasser, Zucker und Alkohol. Exotisch-gewagt ist auch die andere Tondera-Erfindung: Apfel-Gurke-Likör. "Entweder man liebt ihn oder man hasst ihn. Dazwischen gibt es nichts." Der Absatz bestätigt: Viele Menschen lieben ihn.

 

Experimentiert hat bereits ihre Vorgängerin Helga Rolle. Die Destillateurmeisterin "entwarf" den Typisch Harz-prämierten Hexen-Bitter und den Rhabarber-Likör. Letztgenannter wurde mit neuem Design in edler Flasche unter Nicole Tonderas Regie 2018 zum besten Likör Sachsen-Anhalts gekürt. Beliebte DDR-Rezepturen werden mit dem Walpurgis-Feuer und Ritter Bodo, die ebenfalls das Typisch Harz-Siegel tragen, bewahrt. Wie überhaupt Harzer Liköre seit der Gründung der Fabrik 1953 in Quedlinburg einen Namen haben. Knapp 25 Jahre später zog der Betrieb nach Gernrode um, wurde deutlich vergrößert. 1989 waren hier 265 Menschen beschäftigt. Von Frau Rolle hat Nicole Tondera drei Mitarbeiter übernommen. Heute sind es sieben, die in der Produktion, im Vertrieb und in den Geschäften arbeiten.

Nicole Tondera und Karsten Eckmayr schauen gern über den Tellerrand und dabei in andere Typisch Harz-Betriebe. "Wir kooperieren unter anderem mit der Firma Mangold in Bad Lauterberg, in dem wir deren Trüffel und Marmeladen mit unseren Spirituosen kombinieren", bemerkt Nicole Tondera als wir wieder im Laden der Manufaktur stehen und sie greift ins Regal: "Diese Pralinen werden zum Beispiel lose geliefert und von uns dann verpackt. Die Kunden mögen unsere derart versüßten Likör-Präsente."

Kaufen kann man die Harzer Spirituosen aus Gernrode inzwischen nicht nur im Web-Shop und den eigenen Geschäften, sondern auch bei zahlreichen Vertriebspartnern der Region – von anderen Läden mit regionalen Produkten über mehrere Lebensmittelketten bis hin zu Hotels und Gaststätten in einem Radius von etwa 60 Kilometern. Es ist viel geschehen seit Januar 2016, als Nicole Tondera die Likörmanufaktur übernahm, die bezeichnender Weise das "ö" im Namen auf den Kopf stellt. Auch die Inhaberin steht manchmal Kopf: Zurzeit weil sie die engen Fesseln in Gernrode verlassen und ihre Vision eines Manufaktur-Neubaus Wirklichkeit werden lassen möchte. Die Baupläne sind schon fertig.

 

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