© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Das Rodelhaus Braunlage

von Maximilian Schmidt

Rodelhaus Braunlage - Rodelhaus im Schnee
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Es ist Freitagvormittag, Anfang Dezember. In der Nacht hat es zum ersten Mal in dieser Saison so richtig geschneit. Nichts wie raus! Die ersten Wanderer kämpfen sich mit uns den Berg hinauf. Auf einer kleinen Lichtung steht das Rodelhaus. Mit roten Wangen und kalten Nasen betreten wir den Gastraum. Die Blicke fallen unweigerlich auf die alten Schlitten und historischen Fotos an den Wänden – eine 1.500 Meter lange Rodelstrecke bis Braunlage hinab beginnt direkt am Haus! Seit 2008 kümmert sich Judith Bothe um den Fortbestand der über einhundertjährigen Hüttentradition an diesem Ort, wenige Meter entfernt von der Mittelstation der Wurmberg-Seilbahn. Mit strahlendem Gesicht begrüßt uns die sportliche Wirtin. Auch sie kommt gerade von draußen herein, trägt noch Laufsachen. Und während sie schnell duschen geht – ihren Gästen bietet sie diesen Service gegen ein kleines Entgelt ebenfalls an – nehmen wir Platz, genießen den Blick durch die großen Fenster auf die "Puderzuckerlandschaft" und schauen in die Speisenkarte. Currywurst, Burger, Leberkäse. Die klassischen Gerichte eines Ausflugslokal. „Das erwarten die Gäste“, erklärt uns wenig später Judith Bothe, nun in Arbeitskleidung mit langer Schürze wie ihre Serviererin, mit der sie im Laufe dieses Mittagsgeschäfts, unser Gespräch hin und wieder unterbrechend, Hand in Hand arbeiten wird. „Aber bei der Qualität der Lebensmittel kann ich überraschen. Ich will wissen, woher die verwendeten Rohstoffe und Zutaten kommen und wie sie hergestellt werden. Denn das schmeckt man!“ An dieser Überzeugung lässt sie keinen Zweifel und dafür setzt sie alle Hebel in Bewegung, scheint es.

Ihre Produzenten kennt sie persönlich. Familie Thielecke aus Tanne mit ihrem Harzer Roten Höhenvieh, Familie Koithan aus Hattorf und deren Harzer Heuschweine (beides Typisch Harz-Produzenten), Familie Penk aus Großenrode, die Kartoffeln anbaut und und und. Ein ganzes Büchlein – es liegt neben der Karte auf jedem Tisch – hat sie gestaltet, stellt darin charmant und informativ ihre Lieferanten vor, zumeist kleine und mittelgroße Betriebe, die allermeisten aus der näheren Umgebung und dem Harzvorland. Die Transparenz kommt bei den Gästen gut an, erfahren wir. Gern blättern sie im "Genussmacher", während das Team in der Küche die Speisen frisch zubereitet. Viele der Zulieferer tragen nicht nur das Qualitätssiegel Typisch Harz, sie gehören auch zur „Slow Food“-Gemeinschaft, genau wie das Rodelhaus. In den achtziger Jahren entstand in Italien der Gedanke, für kulinarischen Genuss einzutreten. Eine Idee, die bald auch hierzulande Verfechter fand. Heute zählt der „Slow Food“-Verein in Deutschland 14.000 Mitglieder in 86 Convivien, wie die regionalen Verbände genannt werden. "Gut, sauber und fair“ soll das Essen sein. Im Jahr 2012 erfuhr Judith Bothe eher zufällig von der Initiative, wurde neugierig und suchte nach Produzenten im Harz. „Das sind gar nicht wenig!“, erzählt die Hüttenwirtin. In ihrem "Rodelhaus" achtet sie vor allem auf Regionalität, Nachhaltigkeit und das Wohl der Tiere. Letzteres liegt der Vegetarierin seit ihrer Kindheit am Herzen. Der Aufwand in ihrem Gastronomiegeschäft erhöht sich damit immens, kostet viel Kraft und braucht Leidenschaft. Das wird schnell klar, wenn man die Unternehmerin bei ihrer Arbeit erlebt und reden hört: „Heute morgen war ich schon bei zwei Produzenten, um Ware abzuholen und die nächsten Lieferungen zu besprechen. In Großenrode bestellt Familie Plenk mittlerweile ein halbes Feld Kartoffeln allein für das Rodelhaus. Der Landwirt plant meinen Bedarf fest ein, verlässt sich auf die Abnahme und ich muss mit viel Gespür kalkulieren. Nicht so einfach", gibt sie zu. Sie freut sich aber sehr über die Wertschätzung, die sie beispielsweise dadurch erfährt, dass ihre gesamte Rodelhaus-Gastronomie das Typisch Harz-Label tragen darf.

Rodelhaus Braunlage - Judith Bothe nimmt neue Säfte von Ingmar Dalchow entgegen
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Draußen bahnt sich unterdessen ein Lieferant den Weg durch die eisige Kälte. Der harte Schnee knirscht unter den Reifen des Lieferwagens. Vorsichtig manövriert der Fahrer sein schweres Gefährt auf eine für ihn freigeschaufelte Wendefläche. Rund die Hälfte ihrer Produkte bekommt die Rodelhaus-Wirtin geliefert. Den Rest muss sie selbst abholen. Insbesondere die Wintermonate, in denen viel Schnee liegt, erfordern logistische Weitsicht und häufig Improvisationstalent, manchmal nur um die frischen Brötchen von Bäcker Anders aus Braunlage pünktlich auf dem Frühstückstisch zu servieren. Erleichtert, nicht stecken geblieben zu sein, beginnt Ingmar Dalchow, der im Eichsfeld eine Mosterei betreibt, auszuladen. Drei Kisten Apfelpunsch, mehr passen nicht auf die wuchtige Sackkarre, denn die letzten Meter auf eisigem Untergrund muss er zu Fuß bewältigen. Herzlich umarmt er Judith Bothe. „Sie strahlt! Wie immer“, entfährt es ihm. Geschmeichelt begibt sie sich flink in den Keller und öffnet einen hölzernen Verschlag, um die schweren Getränkekisten entgegen zu nehmen. Trotz schlechter Ernte, hat der Obstbauer die letzten Früchte zusammengekratzt, damit die Rodelhausgäste auch in dieser Saison nicht auf den beliebten Apfelpunsch verzichten müssen.

Mit Gastronomie hatte die gelernte Kauffrau lange nichts zu tun. Judith Bothe wuchs in Bad Segeberg bei Lübeck auf, wo ihre Großeltern einen Hof bewirtschafteten. Die Eltern hingegen verkauften in Lübeck und Hamburg erfolgreich Kinderwagen. Im elterlichen Geschäft begann dann auch die berufliche Laufbahn der Tochter, bevor sie ihrem damaligen Freund und späteren Mann in den Harz folgte. Hier absolvierte sie eine zweite Ausbildung zur Physiotherapeutin und arbeitete zunächst selbstständig im Bereich der Prävention. Gemeinsam führten die beiden schließlich ein Gasthaus an der Talstation der Wurmbergseilbahn und bewirtschafteten einen Kiosk auf dem Berg. Später kam das Verleihgeschäft mit Skiern im Winter und Monsterrollern im Sommer hinzu. Nebenher machte Judith Bothe eine Fortbildung zur Nordic-Walking-Trainerin und kreierte sogar einen Parcours in Braunlage. Als dann 2008 die damaligen Betreiber des Rodelhauses Insolvenz anmeldeten, entschlossen sich die Bothes, auch dieses Objekt mit zu übernehmen. Und schon Weihnachten öffnete das Gasthaus wieder seine Pforten.

Rodelhaus Braunlage - Am Tresen im Rodelhaus
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Das ist nun elf Jahre her. Seitdem hat sich viel getan. Angefangen bei den Speisen, die heute mit großer Sorgfalt und viel Zuwendung kreiert werden, bis zu den liebevoll eingerichteten Zimmern für Übernachtungsgäste. "Wer einmal hier geschlafen hat, kommt gern wieder", berichtet sie. "Die Urlauber genießen die Abgeschiedenheit und Ruhe. Kinder erobern sich hier im Umfeld in Windeseile die Natur, stöbern durchs Unterholz, spielen und toben." Mit dem Besonderen möchte die "Rodelhaus"-Wirtin locken und es spricht sich allmählich herum, dass man nicht nur Zeit auf dem Wurmberggipfel verbringen sollte, sondern auch unbedingt eine Einkehr auf halbem Wege zu empfehlen ist. Unterstützung bei der Bewerbung Ihrer Angebote findet sie sicher bald auch durch ihre Tochter Amelie, die Marketing studiert. Kein Tag vergeht ohne neue Herausforderungen für die quirlige Hüttenwirtin, die sie seit der Trennung von ihrem Mann allein bewältigen muss. So heizt sie seit einiger Zeit mit dem nachwachsenden Rohstoff Holz, anstatt mit Öl. Doch der Heizkessel funktioniert leider nicht immer zuverlässig. Darum wird sie sich jetzt schnell kümmern müssen. Viele kleine und große Reparaturen stehen von Zeit zu Zeit an. Ein altes Haus eben, aber mit sehr viel Charme.

Mittlerweile ist der Gastraum gut gefüllt. Judith Bothe bringt routiniert die schmackhaft angerichteten Teller zu den Hungrigen, plaudert mit einem regelmäßig kommenden Ehepaar und serviert natürlich regionales Bier aus Altenau. Auch wir bekommen unser Essen. Es gibt Wildschwein-Leberkäse, Bratkartoffeln, Burger und Pommes. „Für die habe ich eine Schwäche“, gesteht die Wirtin und zeigt auf die gold-gelben Stängel. „Wenn ich durch die Küche gehe, dann muss ich welche essen. Erst nur zwei – und am Ende sind es doch immer mehr.“ Sie lacht. „Dann muss ich wieder meine Laufschuhe schnüren!“

Uns ist natürlich aufgefallen, dass sehr viele Fleischgerichte auf der Karte stehen. Wie passt das zu einer Vegetarierin? „Ich glaube, die Zeit ist noch nicht reif“, antwortet sie nachdenklich. Gern würde sie mehr Speisen wie ihren veganen Gemüseeintopf oder Brotfladen anbieten. „Ich muss es behutsam ändern.“ Die Gäste fühlen sich wohl bei ihr. Am großen Tisch für acht Personen sind sich zwei Wandergruppen näher gekommen. Die eine aus Niedersachsen, die andere aus dem Sauerland. „Lasst es Euch schmecken“, ertönt es. Dann wird angestoßen. Hier oben im Rodelhaus schafft Judith Bothe gemeinsam mit ihrem Team eine freundliche Atmosphäre, in der neue Gemeinschaften entstehen können - so wie man es sich auf einer Hütte wünscht.

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