© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Brockenbauer Uwe Thielecke

von Thorsten Schmidt

Das Rindersteak medium ist auf den Punkt genau gegart, der Rinderbraten zart und saftig. Am Nebentisch scherzt Julia Thielecke mit Freunden, die sie während der Dreharbeiten zu einer TV-Produktion kennengelernt hat, Uwe Thielecke diskutiert in der Landeshauptstadt noch mit Kollegen auf einer Sitzung des Rinderzuchtverbandes, Sarah Thielecke mistet im Nachbarort gerade die Winterställe aus, während Susann Thielecke pünktlich zum vereinbarten Termin an unseren Tisch tritt und uns warmherzig willkommen heißt. Im Familienbetrieb "Brockenbauer Thielecke" wirbelt ein eingespieltes Team, gut organisiert.

Rinder, Schweine und Ziegen, Pferde, Esel und Hühner sowie Kaninchen und drei Hunde gehören zum Tanner Biohof, dessen Bekanntheitsgrad inzwischen weit über den Harz reicht. Das liegt nicht zuletzt an einer beachtlichen Medienpräsenz, denn Thieleckes lehnen Anfragen von TV-Sendern selten ab. "Das ist zwar jedes Mal mit großem zeitlichen Aufwand verbunden, denn für ein paar Minuten Sendezeit blockiert solch ein Fernsehteam schnell mal einen ganzen Tag", gibt Susann Thielecke zu bedenken, "doch auf diese Art können wir neben der eigenen Werbung vor allem auch unsere Philosophie in die Welt hinaus tragen. Alles aus einer Hand! Von der Geburt der Tiere bis zur Verarbeitung."

Brockenbauer Thielecke Tanne - Susann und Uwe Thielecke mit Bulle Innozenz im Gastraum
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Beruflich spielten Tiere im Leben von Unternehmensgründer Uwe Thielecke und dessen Frau Susann schon immer eine große Rolle, ganz besonders die Kuh Elsa. In ihrem Ausbildungsbetrieb im altmärkischen Lichterfelde, wo sich die beiden kennenlernten, standen in den Ställen 800 schwarz-weiße Milchkühe und eine einzige braune Kuh. Angelehnt an den legendären Sketch von Dieter Hallervorden tauften die Lehrlinge den Außenseiter "Elsa". Ein Jahrzehnt später schenkte Susann ihrem Uwe zu dessen 30. Geburtstag ein braunes Kälbchen – eine Elsa natürlich, ein schönes Exemplar der Rasse Rotes Höhenvieh – und die Geschichte nahm ihren Lauf.

Knapp zwanzig Jahre später fühlen sich bei Thieleckes über 500 dieser Rinder pudelwohl, davon 170 Mutterkühe und zehn Zuchtbullen. Als wir gemeinsam mit Susann Thielecke an den fünf Winterställen im Nachbarort eintreffen, beendet Tochter Sarah gerade die heutigen Stallarbeiten und streichelt einem halbwüchsigen Kalb über die Schnauze. Der Nachwuchs bleibt bis zu acht Monate bei der Mutter. "Wir betreiben hier eine sogenannte Mutterkuhhaltung", erzählt uns die junge Landwirtin, warm eingepackt in grünem Overall, Gummistiefel und Wollmütze. "Die Bullen leben etwa acht Wochen bei den Kühen und sorgen für Nachwuchs, ganz auf natürlichem Weg, noch mit Liebe in den Augen."

In den offenen Anlagen an einem sanften Südhang mit Almcharakter fühlen sich die Rinder sichtlich wohl. Es gibt keine Klimaanlage und Heizung. Kein Kraftfutter. Als Bewohner eines zertifizierten Bio-Hofs kommen Thieleckes Rinder ohne prophylaktische Antibiotikagaben aus. "Medikamente erhalten nur erkrankte Tiere, zum Beispiel bei einer bakteriellen Infektion", erklärt Susann Thielecke. Um Krankheiten festzustellen, beobachten die Brockenbauern ihre Tiere und wiegen sie regelmäßig. Dies geschieht auch mit den etwa 50 Schweinen, die den Tierbestand ergänzen, damit der hauseigene Fleischermeister Marvin Freystein, Sarahs Lebenspartner, das zur Wurstherstellung nötige Schweinefleisch nicht mehr hinzukaufen muss. Auch hier entschieden sie sich für seltene, vom Aussterben bedrohte Haustierrassen, wie das Angler Sattelschwein und das Leicoma. Leicoma? "Ein Kunstname, der sich aus den Namen der Städte Leipzig, Cottbus und Magdeburg zusammensetzt", klärt uns Susann Thielecke auf. "Die ursprüngliche DDR-Züchtung vereint überwiegend Duroc und Deutsche Landrasse." Ganz frische Leicoma-Ferkel wuseln unentwegt in mehreren neuerdings raubtiergesicherten Stallabteilungen umher. Nächtlicher Fuchsbesuch hatte kürzlich für helle Aufregung gesorgt!

Aufregend war auch der 1. Juni 1985, als die Ilsenburgerin Susann und der aus dem Bördedorf Bornstädt stammende Uwe im Wernigeröder Rathaus heirateten – kurz bevor ihre Zwillinge Julia und Sarah zur Welt kamen. Nach der Ausbildung zum "Zootechniker/Mechanisator mit Abitur" studierte das Ehepaar in Leipzig Tierproduktion. Einen geordneten Abschluss wusste die Wende zu verhindern. Nach der deutschen Wiedervereinigung folgten unruhige Zeiten auf der Suche nach neuen beruflichen wie privaten Perspektiven. Er ließ sich zum Maurer ausbilden, begann ein Architekturstudium an der Universität in Hildesheim und arbeitete als Melker in einer Agrargenossenschaft in Veckenstedt, während die junge Familie nun in Ilsenburg wohnte. Sie wurde Pharma-Referentin für Humanmedizin bei einem führenden deutschen Konzern und berät bis heute Ärzte und Apotheker vom Ostharz bis weit in den Magdeburger Raum hinein.

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"Und dann gab es da noch diesen Traum", verrät uns Susann Thielecke, "diese Sehnsucht nach einem Leben in und mit der Natur. Uns war selbst das beschauliche Ilsenburg zu städtisch." Sie suchten nach einem Grundstück im Oberharz und wurden in Tanne fündig. Nachdem sie durch Kälbchen Elsa mit dem Bio-Bauer-Virus infiziert worden waren, gründete Uwe Thielecke 2001 einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Er schaffte weitere Rinder der seltenen Rasse Rotes Höhenvieh vom Harzer Schlag an und ließ die Tiere auf den Wiesen um Tanne für jeden gut sichtbar grasen. Allein die Präsenz der braunen Kühe veränderte das Landschaftsbild. Gleichzeitig blühten die alten Bergwiesen im Wortsinn prächtig auf, denn die extensive Viehhaltung erhöht die Artenvielfalt auf den Weideflächen. Dies schätzen derweil auch die Verantwortlichen im Nationalpark Harz, die für die Schierker Feuerstein-Wiesen seit Jahren die Dienste der rotbraunen Landschaftspfleger in Anspruch nehmen. 2019 weideten gar einige Kühe auf der Brockenkuppe, um die aggressiven Heidekrautgewächse zugunsten der sensiblen Brockenanemone zurück zu drängen. "In den Trittsiegeln der Rinder wächst die Symbolblume des Brockens besonders gut", weiß Uwe Thielecke zu berichten. "Im Bayerischen Wald und in den Vogesen hat man damit bereits sehr gute Erfahrungen gemacht."

Aufwendige Landschaftspflege mit einer hohen Umkoppelungsfrequenz war zu Beginn das wichtigste Standbein der Firma Brockenbauer. Oft genug wurde Uwe Thielecke bei Fachtagungen von Rinderzüchtern ob seiner "romantischen Alm-Viehwirtschaft" belächelt, wenn diese über ihre "wahren" Probleme in der Massentierhaltung berieten. Heute lacht niemand mehr. Der Tanner Biohof gilt als größter Zuchtbetrieb für Rotes Höhenvieh weltweit. "Wir zeigen, dass es geht!", unterstreicht der Landwirt. "Wir produzieren Rindfleisch ökologisch verantwortungsvoll und ökonomisch erfolgreich." Zum Erfolgskonzept gehören – mit dem Einstieg beider Töchter – eine hauseigene Schlachterei sowie die Erlebnisgaststätte mit Hofladen und Streichelgehegen.   

Auf der modern gestalteten Internetseite kann sich der Fleisch-Gourmet nicht nur das nächste Schlachtpaket vormerken lassen, sondern auch über ein Buchungsportal komfortabel einen Tisch reservieren. "Ursprünglich war ein kleiner Gastraum geplant, in dem wir hin und wieder eine Reisegruppe beköstigen wollten", erinnert sich Tochter Julia. Nun wirbelt die studierte Betriebswirtin im hübschen Dirndl durch das große Steakhouse. "Wir haben etwa 100 Plätze auf zwei Etagen und im Sommer noch zusätzlich 60 Plätze auf dem Hof zur Verfügung. Doch oft reicht selbst das nicht aus." Immer mehr Menschen möchten hochwertiges Biofleisch direkt beim Erzeuger essen. Preisgekröntes natürlich erst recht. Der Höhenvieh-Rinderbraten erhielt 2017 die Auszeichnung "Kulinarischer Stern Sachsen-Anhalt", der Harzer Wildkräuterschinken vom Angler Sattelschwein bekam die Auszeichnung 2018. Das Typisch Harz-Prädikat tragen weitere Produkte und sogar die samstägliche Führung über den Biohof ist Typisch Harz!

"Das ist toll, was Sie hier machen!", ruft eine ältere Dame zwei Tische weiter zu uns herüber. Leicht verlegen bedankt sich die Brockenbäuerin. Zu uns gewandt: "Über solch ein Lob freuen wir uns jeden Tag aufs Neue, denn bei Weitem nicht jeder Gast akzeptiert unsere Firmenphilosophie." Der Wunsch nach ständiger Verfügbarkeit einer konsumgeprägten Überflussgesellschaft vereinbart sich schwer mit tiergerechter Zucht und Aufzucht sowie einem schonenden Umgang mit den Ressourcen. Hier wird jedes Tier nach der Schlachtung komplett verwertet und vermarktet. "Filet ist nur ein äußerst kleiner Teil am Rind, ebenso wie Zunge oder Bäckchen", argumentiert Susann Thielecke engagiert, "Gerichte mit derartigen Zutaten fehlen deshalb auch mal einige Zeit auf der Speisenkarte." In der Auslage des liebevoll gestalteten Hofladens liegt frisches Fleisch ebenfalls selten, denn das ist kurz nach einem Schlachttermin, in etwa 70 Paketen verteilt, bereits auf dem Weg zu den Kunden, die rechtzeitig bestellt haben.

Für ausreichend Strom auf dem Schaubauernhof sorgen ein Scheitholzofen mit Wärmepuffer und eine Photovoltaikanlage, die beispielsweise moderne Tiefkühlzellen mit Wärmerückgewinnung speist. Alles gebaut, ohne zusätzlich Fläche zu versiegeln. Selbst das gehört zu einer gelebten Öko-Strategie, die sich inzwischen auch längst die etwa 15 Mitarbeiter der Familie Thielecke zu eigen gemacht haben. Denn ohne zuverlässiges Personal geht es nicht. Und so wirbelt hier für jeden sichtbar täglich ein eingespieltes Team.

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