© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Imkerei Illers

von Thorsten Schmidt

Er wird auch schon mal zum royalen Geburtshelfer, wenn die Königin Schwierigkeiten hat, das Licht der Welt zu erblicken. "Das ist mit diesen mächtigen Fingern gar nicht so leicht!", schmunzelt Henning Illers und schaut dabei auf seine großen Hände. Der inzwischen als Bienenmann von Wieda bekannte Imker versteht es, mit Geschichten dieser Art seine Zuhörer zu begeistern; ob im winzigen Hofladen, auf Messen, Märkten oder auf dem Bienenpfad am heimatlichen Glockenturm.

Imkerei Illers Wieda - Steffi und Henning Illers auf dem Bienenpfad
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Auf dem steilen, etwa 500 Meter langen Serpentinenweg erfahren Besucher viel über Apis Mellifera, die Honigbiene, und deren unschätzbaren Wert für den Menschen. Dieser erschöpft sich bei Weitem nicht in ihrer Funktion als Honig- und Wachslieferant, sondern liegt vor allem im schier unversiegbaren Bestäubungsfleiß der Biene begründet. Eine der ersten Informationstafeln weist deshalb auf diese ökologische Bedeutung des gebänderten Insektes hin. Ein jeder kann sich dies auf dem frei zugänglichen Bienenpfad selbst erlesen oder aber es uns gleich tun. Wir lassen uns von Henning Illers in seine Welt (ent-)führen. Und dies wäre nur halb so authentisch, würde er nicht in seinem gelb-schwarzen Bienenkostüm vor uns stehen. Einige Zeitgenossen belächeln ihn zwar dafür, viele andere fertigen Selfies mit dem leidenschaftlichen Imker an.  Die lehrreiche Route führt entlang kleiner Blühwiesen, verschiedener Bienenkästen als Beispiele für sogenannte "Beuten" und vorbei am großen Insektenhotel. Zu etlichen handgemalten Bienenbildern gesellt sich eine Fotowand. Zwei gesichtsgroße Öffnungen laden die Pfad-Besucher dazu ein, für ein Foto mit dem lustigen Bienenmotiv zu verschmelzen. "Die hat alle meine Frau Steffi gemalt", verkündet der Gästeführer stolz und ergänzt sogleich: "Die Bienen sind unser gemeinsames Hobby." Das große Krabbeln von rund 2000 Bienen kann man von April bis September in einem Schaukasten bestaunen und gleich nebenan die ausschwärmenden Sammlerinnen bei ihrer Arbeit im 2018 angelegten Kräutergarten beobachten. Der pensionierte Gärtner Jean Pierre Signard, im Ehrenamt auch zuständig für die Wiedaer Harzklub-Wanderwege, zog hierfür blühende "Bienenziele" heran.

Im Herbst und Winter ist der Schaukasten am Bienenpfad allerdings verwaist. Beim umtriebigen Bienenvolk kehrt Ruhe ein. Nun gilt es, die kalte Jahreszeit zu überstehen. Weniger als 2000 Bienen eines Volkes (im Sommer sind es jeweils 60 000 bis 70 000!) sammeln sich dann zu einer großen Traube und wärmen sich, einem Rotationssystem folgend, gegenseitig. Die Tiere in den Außenbereichen nehmen Nahrung auf und erhöhen durch Stoffwechsel ihre Körpertemperatur, krabbeln ins Innere der Traube und geben dort ihre Wärme an die anderen ab. Hier überwintert bei konstanten 25 Grad Celsius auch die Königin, die Weisel, wie der Imker sagt. Deutlich mehr zu tun haben in dieser Zeit die beiden zertifizierten Imker: "Im Herbst versehen wir alle Beuten mit Mäuseschutzgittern und im Winter kümmern wir uns um die Reinigung der Bruträhmchen." Das ist sehr zeitaufwändig. Die zerbrechlichen Holzkonstruktionen müssen gesäubert, abgekocht und mit Wabenwänden neu bestückt werden. Allein 44 Rähmchen befinden sich in einem Bienenkasten (Beute), den ein Volk für sich beansprucht. Für den Illers'schen Honig arbeiten über 30 Völker an vier Standorten von Braunlage über Wieda bis Walkenried. Da kommt also eine vierstellige Zahl zusammen! Erneuert man die Bruträhmchen nicht, bilden die Bienen im Frühjahr Schwärme und ziehen aus, um sich anderenorts niederzulassen und eigene Brutstätten aus Wachs zu bauen.

 

Anderenorts niedergelassen hatten sich Steffi (aus dem Münsterland) und Henning (aus dem nördlichen Harzvorland) Illers 2009, nämlich in Wieda. Auf einem sonnigen Grundstück mit vielen bunten Blumen, Obststräuchern und -bäumen sowie rotem und weißem Wein am Haus. "Unser fleißiges Bienenvolk direkt auf dem Hof beschert uns reiche Ernten", berichtet Steffi Illers mit leuchtenden Augen. "Daraus machen wir dann Säfte und Marmeladen." Das Typisch-Harz-Prädikat tragen, neben Honig und Wachskerzen, zum Beispiel der süße Traubensaft und die geschmacksintensive Johannisbeer-Marmelade. Naturprodukte, die grundsätzlich frei sind von Zusätzen, wie künstliche Aromen. "Ich bin auf einem großen Hof bei Bockenem mit riesigen Ackerflächen aufgewachsen, die mein Vater konventionell bewirtschaftet hat", erzählt der Fast-Zwei-Meter-Mann im Bienenkostüm mit nachdenklicher Stimme. "Sogenanntes 'Unkraut' und 'Pflanzenschädlinge' wurden rigoros vergiftet und zurückgedrängt." Solchen Methoden hat er entschieden den Rücken gekehrt:  "Das kann nicht der richtige Umgang mit der Natur sein!" Allerdings nutzte der elterliche Betrieb durchaus auch die Dienste der Bienen und hielt einige Völker. "So kam ich bereits als Kind 'auf die Biene'!", scherzt Illers. Dahin zurückgefunden hat der gelernte Koch direkt nach dem Umzug in den Harz, im Alter von 41 Jahren. Gesundheitlich angeschlagen, betreut er für einige Stunden Alzheimer-Patienten im Auftrag des ambulanten Pflegedienstes, der auch seine Frau als Krankenschwester beschäftigt. Er fand mit der Freizeit-Imkerei ein neues Betätigungsfeld: "Die Bienen nutze ich als Brücke zur Demenz. Das grelle Kostüm ist dabei sehr hilfreich", erklärt Illers und freut sich sichtlich über diese unkonventionelle Art der Betreuung.

Imkerei Illers Wieda - Henning Illers im Schutzanzug
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

"Hallo Ihr Lieben! Ist alles in Ordnung?" Henning Illers klopft liebevoll an die Styropor-Wand der von ihm bevorzugt verwendeten Seeberger Beute und drückt vorsichtig ein Ohr dagegen. "Wenn ich dann ein leises Summen höre, ist alles gut." Bis in den Frühling hinein werden die Völker kontrolliert, die im Freien an ihren Standorten überwintern. Mit den ersten wärmeren Sonnenstrahlen zieht dann wieder pulsierendes Leben im Bienenstock ein, die Sammlerinnen fliegen aus und die Weisel legt die ersten Eier. Die meisten landen in den kleinen Zellen für Arbeiterinnen, einige in den größeren der Drohnen und ganz wenige in den Weisel-Zellen, Brutstätte für künftige Königinnen. Der Ort, an dem der Imker die Entwicklung seiner Völker steuern kann, der deshalb mindestens alle sieben Tage kontrolliert werden muss und wo Hennig Illers sogar beim kräftezehrenden Schlüpfen bereits mehrfach geholfen hat.

Dass Steffi und Henning Illers gern helfen und sich ehrenamtlich einbringen, lassen sie sich erst später im Gespräch entlocken. Zum Beispiel, dass sie im Altenauer Mutter-Kind-Heim über Bienen informieren und aus Wachs gemeinsam mit den Kurgästen Kerzen basteln. Oder dass Henning Illers 2015 den Vorsitz im hiesigen Harzklub-Zweigverein übernahm, er seitdem 70 (!) neue Mitglieder warb und für mehrere neue oder reparierte Rastplätze und Schutzhütten sorgte. Außerdem initiierten die Illers', dass Harzklub-Mitglieder und Jugendliche der jährlichen Ferienfreizeit vom Technischen Hilfswerks 2016 gemeinsam die kaum mehr sichtbaren, aber noch eingefassten Wege am Glockenturm aus dem Dornröschenschlaf weckten. Die Basis für den heutigen Bienenpfad. Am Schullandheim Brunnenbachs Mühle südlich von Braunlage, wo bereits Illers'sche Bienen fleißig für leckeren Waldhonig sammeln, sollen künftig Kinder noch intensiver an die Imkerei herangeführt werden. Schutzanzüge in kleinen Konfektionsgrößen sind bereits bestellt. Doch das nur nebenbei.

Im Sommer dann die Ernte! Den heranreifenden Honig prüft der Bienenmann ab Juli immer öfter auf seinen Wassergehalt bis dieser bei etwa 15 Prozent liegt. Dann wird der Honig geschleudert und in Eimern luftdicht verschlossen. Als Ersatz erhalten die Bienen die erste Teilfütterung, eine Zuckerlösung. Bevor der Honig in Gläser abgefüllt und beschriftet wird, rührt Illers die kostbare Masse cremig bei etwa 35 Grad Celsius, der Innentemperatur des sommerlichen Bienenstocks. "Wir unterscheiden zwischen Honig der Frühtracht und Honig der Sommertracht", klärt Steffi Illers auf. "Da witterungsbedingt unterschiedliche Blühpflanzen dominieren, setzt sich unser Honig auch jedes Jahr unterschiedlich zusammen. 2019 beispielsweise sammelten unsere Bienen im Frühjahr überwiegend Löwenzahnpollen. Das schmeckt anders als Linde oder Raps." Und wenn die Honigverarbeitung abgeschlossen ist, folgt die Verwertung des Wachses. Im Schmelztopf wechselt das Wachs den Aggregatzustand und fließt dann bei 80 Grad Celsius in verschiedene Silikonformen, um als Engel, Weihnachtsmann, Bienenkorb oder als Hexe zu erkalten. In jedem Fall aber als Kerze. "Bienenwachs hat eine höhere Dichte als beispielsweise Parafin. Dadurch brennen unsere Kerzen auch deutlich länger."

Die Geschichten rund um die Imkerei scheinen dem Bienenmann, der sich selbst als Botschafter für den Harz sieht, niemals auszugehen. Zum Beispiel, dass Bienen sich an Farben orientieren und der Imker deshalb die Beuten unterschiedlich monochrom streicht, oder dass Bienen für 300 Gramm Honig 20 000 Mal ausfliegen und etwa fünf Millionen Blüten besuchen müssen, dass er selbst im Jahr über 50 Mal gestochen wird und für sein Leben gern Bienenstich isst!

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