© Brauerei Wippra

Museums- und Traditionsbrauerei Wippra

von Thorsten Schmidt

Brauerei Gehring GbR Wippra - Auf dem Dachboden mit der historischen Malzmühle
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Leise plätschert die Wipper neben den historischen Bauten der Traditionsbrauerei dahin. Das satte Grün der Ufervegetation gibt hier und da den Blick auf roten Backstein und kontrastreiches Fachwerk frei. Gleich um die Ecke am Haupttor der Brauerei pulsiert kleinstädtisches Leben. Gebraut wird in Wippra nicht in blitzenden modernen Industrieanlagen in einem Gewerbegebiet vor den Stadttoren, sondern mitten im Ort und mit funktionsfähig erhaltener historischer Technik. An dieser Stelle seit 1530! Die 1905 installierte Transmissionsanlage treibt bis heute zuverlässig die alte Schrotmühle auf dem Dachboden und die Rührwerke im darunterliegenden Sudhaus an. "Das ist in dieser Form weltweit einmalig!", erklärt Dr. Norbert Gehring überzeugt und mit stolzem Blick. Gemeinsam mit seiner Familie hat er 2002 die denkmalgeschützten Gebäude und Produktionsanlagen zu neuem Leben erweckt.

Norbert Gehring betätigt kurz entschlossen einen alten Drehschalter an der Backsteinwand im Sudhaus. Schon beginnen die gusseisernen Räder und Wellen lautstark zu rattern; angetrieben von ledernen, etwa zehn Zentimeter breiten Riemen, die der entfesselten Energie die gewünschte Richtung geben. Ein Rumpeln und Poltern erfüllt den engen Raum und lässt uns ehrfürchtig erstarren. Aber auch dem Brau-Profi ist Freude und Ergriffenheit anzusehen. Auf diesen altehrwürdigen Anlagen beginnt der lange Weg der Wippraer Biere. Schrotmühle, Maischebottich, Sudpfannen, Transmissionsanlage, Reifekeller - alles hat weit über hundert Jahre auf dem Buckel und funktioniert wie am ersten Tag. Wird das so gebraute Bier anders? Mit einem schelmischen Blitzen in den Augen antwortet der Museumsbrauer selbstbewusst: "Nicht nur anders. Es wird besser!"

Brauerei Gehring GbR Wippra - Maischebottich, Sudpfannen und Transmissionsanlage
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Bei Führungen und während der beliebten Braukurse, die beide das Qualitätssiegel Typisch Harz tragen, kann sich ein jeder vom besonderen Geschmack des handgemachten Bieres überzeugen. Norbert Gehring und Tochter Katja möchten ihre Liebe zur traditionellen Verarbeitung von Hopfen und Malz gern mit anderen teilen und Wissen sowie Erfahrung weitergeben. Und so erklären sie verständlich und mit allerlei Geschichten angereichert, was wirklich im Bierglas landet, das übrigens mittels der beliebten Selbstzapfeinrichtung im urigen Schankraum eigenhändig gefüllt werden kann. Und wenn nach Vortrag und Führung weiterer Wissensdurst zu löschen bleibt, erkunden die Bierfreunde direkt neben der Schrotmühle im Dachboden die Schätze des kleinen Museums mit historischen Gerätschaften und einer beachtlichen Flaschensammlung.

Der Ruf des Bieres rangiere in Deutschland leider mehrere Stufen unter dem von gutem Wein oder edlen Bränden, bedauert der 1961 in Magdeburg geborene Brauereibesitzer: "Bier hat für viele Menschen mit übermäßigem Alkoholkonsum zu tun. Diese Entwicklung nahm der wertvolle Gerstensaft allerdings erst mit Beginn der Industrialisierung, als sich das Nahrungs- und Heilmittel zum Genussmittel wandelte." Die ägyptischen Priester und Pharaonen wussten es hingegen als begehrtes nahrhaftes Zahlungsmittel zu nutzen. Im Mittelalter war Bier mit seinem leichten und bereits desinfizierenden Alkoholgehalt dem Volk eine gesunde Alternative zum meist keimbelasteten Trinkwasser. Dass dieses Volksgetränk zahlreiche für den menschlichen Körper wichtige Inhaltsstoffe besitzt - von Vitaminen bis Kieselsäure - war schon bald bekannt und diese Wirkung wurde durch die Zugabe von diversen Kräutern noch verstärkt. Das deutsche Reinheitsgebot verhindert solche "bierfremden" Zugaben heute zwar. Dennoch lässt sich durch Phantasie und Können allein mit Malz, Hopfen, Hefe sowie Wasser eine schier unglaubliche Vielfalt zusammenbrauen. "Wir können theoretisch aus etwa 20 Malz- und 260 Hopfensorten sowie 80 Hefestämmen auswählen", offenbart Norbert Gehring. Mathematisch ergeben sich gigantische Kombinationsmöglichkeiten. Aber nicht alles schmeckt auch. Hier kommt dem Doktor der Chemie seine naturwissenschaftliche Ausbildung zugute, die er in den 1980er Jahren an der Martin-Luther-Universität in Halle genoss. "Aromen sind immer chemisch begründet. Dadurch kenne ich häufig die Geschmacksrichtung bereits in einem frühen Experimentierstadium." So gebe es beispielsweise Hopfen, der nach Zitrus schmeckt, was sich durchaus auf die Note des Bieres auswirkt. Oder: Durch chemisch gekonnt gesetzte Wahl der Inhaltsstoffe erreichten die Wippraer Brauer bei ihrem "Kupferbier" auch gleich noch die treffende Farbe des Getränks! So wurde der Mansfelder Region und ihrem Kupfererzbergbau nicht nur mit Namen und Etikett ein Bier-Denkmal gesetzt.

Stichwort Inhaltsstoffe: Für die in Wippra mit Vorliebe gebrauten Bierstile Schwarz, Pils, Bock und Doppelbock verwenden Norbert Gehring, sein Braumeister Wolfgang König (seit 1976 mit Brauen und Mälzen beruflich verbandelt) und als künftiger Nachfolger Schwiegersohn Belarminio Rodriguez Sanchez überwiegend Hopfen aus Köthen. Malz kommt mittlerweile aus Nürnberg. Nur in den ersten Jahren lieferte den Rohstoff die Malzfabrik Sangerhausen, an die heute lediglich der Name eines neuen Gewerbegebietes erinnert. Aber das reine Wasser, das fließt freilich weiterhin direkt aus Harzer Quellen über das benachbarte Talsperrensystem ins Wippraer Bier. Mehr als ein Grund, das regionale Produkt mit dem Label Typisch Harz zu prämieren.

Wippraer Flaschen sind eine weitere Besonderheit der Traditionsbrauerei. "Um das handgemachte Bier hier in der Region zu einem akzeptablen Preis verkaufen zu können, haben wir uns für eine Abgabe in großen Literflaschen mit Bügelverschluss entschieden", erklärt Norbert Gehring. Auch eine Beteiligung am bundesweiten Pfandflaschensystem ist bei der geringen Jahresproduktion nicht wirtschaftlich, sodass man die großen braunen Flaschen mit dem schicken ausladenden Halsetikett nur direkt in Wippra oder den wenigen Verkaufsstellen im Umkreis von etwa 25 Kilometern zurück geben kann. Der Craft-Brauer: "Das funktioniert erstaunlich gut."

Brauerei Gehring GbR Wippra - Brauerei Wippra im erwachenden Grünen
© Brauerei Wippra

Lange Zeit gehörte die Brauerei zum Amt Rammelburg bis sie Mitte des 19. Jahrhunderts in private Hände geriet. Zu DDR-Zeiten war Wippra ein beliebter Urlaubsort mit zahlreichen Ferienheimen und Pensionen sowie über 20 (!) Gaststätten, die wöchentlich mit vier bis sechs Hektolitern Wippraer Bier versorgt wurden. 1989 stellten 30 Mitarbeiter im Jahr 22.000 Hektoliter des begehrten Gebräus her. "Heute produzieren wir nur noch einen Bruchteil davon", verrät Norbert Gehring. "Die handwerkliche Herstellung kann in puncto Effektivität und Rentabilität nicht mit industrieller Fertigung mithalten. So hat die touristische Vermarktung auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht bei uns eine vorrangige Bedeutung." Hier können die Gehrings ebenfalls auf langjährige Erfahrung zurückgreifen. Nachdem sie bald nach der Wende von Halle ins verträumte Wippra gezogen waren, bildeten sie im östlichen Südharz ein touristisches Netzwerk und halfen mit, die Region bekannt zu machen. Als dann 2002 die Traditionsbrauerei wieder einmal unter den Hammer kam, schlug die Familie zu. Mittlerweile lenkt Tochter Katja die Geschicke des Unternehmens wesentlich mit. Katjas Bruder arbeitet derzeit noch als gelernter Getränketechnologe in einem Brauereikonzern, aber wer weiß...

Mit seiner charmant-direkten, unterhaltsamen Art begeistert der erste zertifizierte Biersommelier Sachsen-Anhalts sein Publikum. Im März 2013 absolvierte Norbert Gehring den anspruchsvollen zweiwöchigen Lehrgang in München und Salzburg und kehrte mit Diplom und vielen neuen Erkenntnissen sowie Anregungen in den Südharz zurück. "Bier verkörpert gastfreundliche Geselligkeit und Gemütlichkeit. Deshalb gehen wir unsere Bierkurse auch in Ruhe an." Die 30 bis 35 Teilnehmer lauschen dem Profi und bekommen Einblicke in die Welt des Bieres, in Geschichte, Herstellung, Rohstoffe, Stile und schließlich Antworten auf die Frage: Ist Bier gesund? Immer dabei diverse Kostproben der Wippraer Kollektion von "Edelbräu" über "Kickerbier" und "Kellerbier" bis zum im doppelten Sinne delikaten "Wipprator". Die "Schüler" dürfen maischen und Würze kochen; erfahren alles über die weiteren Arbeitsschritte und sind am Ende in der Lage, zu Hause selbst zu brauen. Für alle, denen dieser eine Biertag nicht genügt, wird es künftig eine ganze Bierwoche geben, in die dann auch Ausflüge zu anderen Harzer Craft-Brauereien eingeflochten sind. Für Daheim steht noch Lektüre bereit: Im selbstverlegten Buch "Die Bierflüsterin" hat Norbert Gehrings Frau Kerstin zahlreiche Lippenbekenntnisse aus weiblicher Sicht abgelegt.  

Doch bevor wir heim gehen, entführt uns Norbert Gehring in seinen Eiskeller. An der schwarzen Schieferwand stehen in gebührendem Abstand einzelne Fässer mit knappen Beschriftungen darüber: 2008, 2009, 2010 ... bis 2015. Wir fühlen uns wie während einer hochkarätigen Weinverkostung. Tatsächlich probieren wir hier Jahrgangsbock, also Bier, das über mindestens fünf Jahre hinweg 25 Meter unter der Erdoberfläche in einem konstant acht Grad kühlen Schieferkeller langsam gereift ist! Der Biersommelier reicht uns neckische 0,1-Liter-Gläser und lässt uns probieren. "Nehmen Sie sich Zeit!"
Das tun wir - schon aus Respekt vor dem Produkt und seinem Schöpfer. Den Dingen Zeit geben, sie in Ruhe reifen lassen, ist hier in Wippra das Credo. Dadurch entsteht Bekömmlichkeit. Norbert Gehring riecht zunächst intensiv an der Blume, schickt dann die kupfer- bis bronzefarbene Flüssigkeit im Glas auf Rundreise und inhaliert anschließend weitere Duftstoffe, bevor sich auch der Gaumen an einem weichen, intensiven Geschmack erfreuen kann. Wir folgen etwas unsicher seinem Vorbild. Köstlich!

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