© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

Apfelplantage Mosterei Kühlmann´s Hof

von Maximilian Schmidt

Hier und da schimmert an diesem kühlen Morgen saftiges Rot durch das grüne Dickicht der Obstbäume. Die ersten Sonnenstrahlen brechen durch das Geäst, während sich Rehe in die umgrenzenden Wälder zurückziehen. Es ist Anfang Oktober und am Helsunger Krug bei Blankenburg werden auf der Plantage von Matthias Kühlmann die letzten reifen Äpfel von den Bäumen gepflückt. Seine Frau Kristin zeigt uns, wie es geht. Sanft legt sie ihre Hand um einen kleinen, rotbäckigen Idared. Mit einer eleganten Drehbewegung löst sie ihn samt Stiel vom Ast. "Hier, unmittelbar neben dem Stiel, befindet sich die zarte Knospe", zeigt sie uns. "Die darf ich nicht beschädigen, denn daraus kann sich im nächsten Jahr ein neuer Apfel entwickeln", ergänzt sie hoffnungsvoll.

Mosterei Kühlmanns Hof Wienrode - Matthias Kühlmann beim Ernten
© Schmidt-Buch-Verlag, Thorsten Schmidt

In erntereichen Jahren bieten die jungen Obstbauern ihren Kunden an, sich den eigenen Bedarf selbst zu pflücken. Bestückt mit Körben und Kisten laufen ab September dann Männer, Frauen und Kinder durch die Baumreihen auf der Suche nach dem leckersten Exemplar. Die Auswahl ist groß, die Geschmäcker verschieden. Da darf auch gern probiert werden. Insgesamt 28 verschiedene Apfelsorten stehen zur Auswahl, alle ausgezeichnet mit dem Siegel „Typisch Harz“. Dies sind ganz klassische Sorten wie Braeburn, Boskoop, Elstar und Gala, aber auch alte Apfelsorten, der Gravensteiner und die Goldparmäne. Letztere sind wegen ihrer Verträglichkeit besonders bei Allergikern beliebt. Haben die Selbstpflücker die richtige Sorte gefunden, kann geerntet werden. Dann füllen sich die Sammelbehälter geschwind. "Wir hatten schon einen Kunden, der sich den gesamten Kofferraum mit Äpfeln beladen hat. Dem haben wir dann noch eine Packung unseres Apfelsaftes obenauf gepackt und er sah überglücklich aus", erzählt Kristin Kühlmann.

Die Bäume – etwa 15 000 an der Zahl – liefern in guten Jahren tonnenweise Früchte, gereift im Schutz der Teufelsmauer. Doch wehe es gibt im Frühjahr Spätfrost! Dieser beschädigt die Blüten und lässt die Ernte entsprechend mager ausfallen. "Frost ist unser größter Feind", erklärt uns Matthias Kühlmann und erinnert sich mit Sorgenfalten an 2019. “In dem Jahr habe ich verzweifelt versucht, die Blüten mit Wasser zu bestäuben. Sehr viel hat es aber nicht gebracht und umständlich war es obendrein, denn auf dem etwa 15 Hektar großen Grundstück hatten wir kein Wasser."

Erst 2017 übernahmen die Kühlmanns den Baumbestand von Familie Klinger, die ihn aus Altersgründen verkauften. Seither erobern sich die Naturfreunde ihren neuen, riesigen Obstgarten Stück für Stück und setzen trotz aller Unwägbarkeiten ihre Visionen um. Bio zum Beispiel. „Ich bin davon überzeugt, das wir im Einklang mit der Natur leben und arbeiten müssen“, führt Matthias Kühlmann mit fester Stimme aus. Für die beiden ist es selbstverständlich, auf Pestizide zu verzichten, auch wenn dies mehr Aufwand bedeutet. Und zu tun gibt es hier draußen genug, das ganze Jahr über: Ab Frühjahr verlangen die üppig wachsenden Wiesen unter den Bäumen eine regelmäßige Mahd. Im Sommer sprießen unzählige junge Zweige, Wasserreiser genannt, die mit scharfer Schere entfernt werden. Schädlinge lesen sie teils mit der Hand von den Blättern ab und im Winter erfolgt der grundlegende Obstbaumschnitt. Nach und nach verbessern sie ihre Infrastruktur, schaffen Werkzeuge und Maschinen an, um sich die Arbeit zu erleichtern. „Ich bekomme jetzt eine Motorschere!" freut sich Kristin Kühlmann und kann es selbst kaum glauben, welche Geräte sie mittlerweile wie selbstverständlich benutzt.

Mosterei Kühlmanns Hof Wienrode - Kristin und Matthias Kühlmann
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Nach ihrer Berufsausbildung zog es die gebürtigen Harzer hinaus in die Welt. Fünf Jahre lang arbeiteten sie in Salzburg – Matthias als Heilkrankenpfleger und Kristin als Rechtsanwaltsgehilfin. Mit der Geburt ihres ersten Kindes kehrten sie in ihre Heimat zurück und übernahmen den Hof von Matthias’ Großvater in Wienrode. Hier wuchsen im Garten einige alte Apfelbäume. Ihre Ernte vertraute die Familie damals einer mobilen Mosterei an, deren Betreiber jedoch im Jahr 2016 Deutschland den Rücken kehrte. Da nun weit und breit keine Möglichkeit mehr bestand, Äpfel zu eigenem Saft pressen zu lassen, erwarb Matthias Kühlmann kurzer Hand eine kleine Handpresse. Das sprach sich in der Nachbarschaft schnell herum und so verarbeitete er an manchen Wochenenden bis zu einer Tonne Äpfel. Die Leidenschaft wuchs und die Resonanz ebenso. Nur ein Jahr später stand eine größere Handpresse auf dem Hof. "Wir räumten Opas alte Werkstatt aus", erinnert sich Kristin Kühlmann. „Hier lag alles voll mit alten Schrauben, Nägeln und Werkzeug.“ Nun weist nichts mehr darauf hin. In dem gefliesten Raum stapeln sich vor der jungen Frau die Kisten mit Äpfeln. Per Hand und mit strengem Blick sortiert und wäscht sie die Früchte, denn: "Fallobst mit faulen Stellen hat hier in meinem großen Waschbecken nichts zu suchen." Dann übernimmt ihr Mann Matthias und häckselt die Äpfel zu Maische. Diese wird in der Packpresse geschichtet, einzelne Lagen mit Tüchern getrennt. „In der Zeit, in der wir hier schichten, saftet die Maische bereits“, erklärt er uns. Danach drückt die Presse drei Viertel der Frucht aus den Äpfeln heraus. Der Saft wird gefiltert, für einen kurzen Augenblick erhitzt (pasteurisiert) und schließlich in Boxen abgefüllt. Mit dieser Art der Herstellung bleiben viele Vitamine und Aromen erhalten. Und das schmeckt man! Den Trester – ein verdichtetes Gemisch aus Schalen, Fruchtfleisch und Kernen – holt ein Freund ab, der diesen "Abfall" komplett an seine Schweine verfüttert. Hundert Prozent Rohstoffverwertung!

 

Die Kühlmanns verarbeiten aber nicht nur die eigenen Früchte. Wer möchte, kann sein Obst aus dem heimischen Garten hier pressen lassen. „Bei uns wird nicht der Saft von allen Kunden gemischt!“ betonen sie einstimmig: "Jeder erhält den Saft aus dem Obst, das er abliefert." Dieser Service ist in der Region einmalig. Die Mindestmenge liegt bei 50 Kilogramm geliefertem Obst. Mittlerweile hat die Mosterei viele Stammkunden. Auch die Schar derer, die wegen der qualitätvollen Bio-Produkte nach Wienrode kommen, wächst stetig, spricht es sich doch immer mehr herum, dass hier nicht nur Leckeres, sondern auch Preisgekröntes zu haben ist. Neben den Äpfeln selbst und dem sortenreinen (!) Apfelsaft tragen die Fruchtaufstriche aus Erdbeere und Stachelbeere sowie der Holunderblütensirup das Qualitätssiegel "Typisch Harz". Darüber hinaus leuchtet der "Kulinarische Stern Sachsen-Anhalt" seit 2018 über dem Apfel-Holunderblüten-Fruchtaufstrich! Ein kulinarischer Tipp ist nicht zuletzt der Bio-Honig, den die fleißigen Völker eines befreundeten Imkers von den Apfelblüten unterhalb der Teufelsmauer zusammentragen.

Bequem können die Kunden auf der einen Seite des Hofs hineinfahren, ihr Obst abgeben, einkaufen und auf der anderen Seite wieder hinausfahren. Als Kühlmanns 2019 wegen aufwendigen Straßenbauarbeiten vor ihrer Tür für Kunden nicht erreichbar waren, haben sie nicht lange gehadert und währenddessen ihren eigenen Hof gepflastert. Die nächsten Umbauarbeiten stehen ab Mitte 2020 an, wenn sie mit Fördermitteln des Netzwerks Stadt/Land den alten Werkstattschuppen in ein Schmuckstück mit schickem Hofladen sowie Seminar- und Veranstaltungsraum verwandeln wollen. Neben den eigenen Produkten finden Kühlmanns Kunden hier dann auch viele andere Erzeugnisse der Typisch Harz-Familie.

Und wenn sie sich von der Enge des Hofes und den Arbeiten in der Mosterei erholen wollen, fahren die Eheleute zu ihrer Plantage und genießen die Natur. Dorthin, wo Rehe zwischen den Apfelbäumen ihre Kitze zur Welt bringen, Jungvögel lärmen und Bienen fleißig Nektar sammeln, wo Kristin und Matthias Kühlmann Kraft tanken unter den letzten Sonnenstrahlen des Tages, die den Himmel in ein intensives Rot tauchen, während sich die Schatten der Teufelsmauer schützend über ihr kleines Paradies legen...

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